Wir brauchen keine Helden mehr. Punkt.

Neulich in einem Workshop sagte jemand diesen Satz:

Zum Glück haben wir X. Wenn’s brennt, rettet sie immer alles.

Alle nickten. So dieses wohlig-warme „Wie gut, dass wir sie haben“-Nicken.
Und ich dachte nur: Autsch.

Nicht, weil X schlecht ist. Im Gegenteil.
Ich war selbst mal diese X. Schnell, loyal, lösungsorientiert.
Die, die Dinge wieder geradebiegt, wenn alle anderen den Kopf einziehen.

Damals fühlte sich das an wie ein Kompliment.
Heute weiß ich: Es war ein Alarmsignal.

Denn wenn es ohne dich nicht läuft, dann läuft es nicht. Punkt.

Vielleicht kennst du das. Vielleicht bist du selbst diese Person. Vielleicht arbeitest du mit einer. Dann lies weiter – nicht als Kritik, sondern als Einladung zum Umdenken.

In Organisationen, in denen Held:innen gebraucht werden, fehlt oft nicht Einsatz – sondern Struktur.
Und Heldentum ist kein Talent. Es ist ein Symptom.

Ein Symptom für:

  • Unklare Rollen
  • Entscheidungen ohne Wirkung
  • Schnittstellen, die ins Leere laufen
  • Verantwortungsübernahme ohne Mandat
  • Tempo ohne Ziel

Ich sehe das in so vielen Teams. Kompetente Menschen, die improvisieren, retten, springen.
Aus Verantwortungsgefühl wird Übernahme. Aus Engagement: Dauerfeuer. Aus Kompetenz: Rettung.

Und alle klatschen. Weil es funktioniert.
Bis es nicht mehr funktioniert.

Wie Heldentum das System schwächt:

  • Andere verlassen sich darauf. Nicht aus Faulheit, sondern aus Logik.
  • Probleme bleiben unsichtbar. Weil sie ständig überbrückt werden.
  • Lernen wird verhindert. Teams lernen nicht, mit Unsicherheit umzugehen, sondern X anzurufen.
  • Das System wird erpressbar. Urlaub? Krankheit? Kündigung? Und plötzlich steht alles still.

Kommt dir das bekannt vor? Dann lohnt sich der Blick aufs System.

Heldentum ist wie Klebeband:
Es überklebt Risse – aber macht nichts wirklich haltbarer.

Was hilft? Der Blick aufs System.

Der ist brutal ehrlich – und brutal entlastend.

Nicht: Wer ist schuld?
Sondern: Was macht dieses Verhalten sinnvoll?

Denn oft passiert unbewusst ein inneres Ranking:

X = stark, fähig, gut.
Die anderen? Na ja.

Und irgendwo denkt eine Führungskraft:

„Wir brauchen mehr X.“

Aber X ist nicht die Lösung. X ist der Hinweis auf das Problem.

Fünf typische Strukturprobleme, die Held:innen produzieren:

  1. Rollen sind Titel, keine Aufträge.
    Projektleitung steht im Profil – aber niemand weiß, wofür genau. Wer entscheidet was? Wo endet die Rolle?
  2. Entscheidungen haben kein Danach
    Es wird beschlossen – aber nicht geklärt: Wer macht was bis wann?
  3. Schnittstellen sind Beziehungen, keine Regeln.
    „Ich ping da mal wen an“ ersetzt klare Prozesse. Held:innen werden Knotenpunkte.
  4. Eskalation gilt als Schwäche.
    Probleme werden runtergeschluckt, bis sie brennen. Und dann braucht man … Held:innen.
  5. Anerkennung gibt’s fürs Feuerlöschen.
    Stabilität bleibt unsichtbar. Improvisation wird gefeiert.

Kommt dir das bekannt vor? Dann bist du nicht allein. Diese Muster sind weit verbreitet – und veränderbar.

Was stattdessen hilft? Haltbarkeit.

Ich mag Teams, die nicht perfekt sind – aber stabil beweglich.

So wie beim Dogwalking, hast du das mal gesehen?
Eine Person geht mit sechs Hunden gleichzeitig durch den Park. Jeder Hund hat seine eigene Leine, seinen festen Platz, klare Regeln. Wer darf vorne laufen? Wer bleibt eher links? Wer braucht Abstand? Und wer muss gesichert werden, wenn’s eng wird?

Wenn das klappt, sieht es fast mühelos aus. Kein Chaos, kein Verheddern, kein Zerren.
Die Hunde wissen, woran sie sind – und die Dogwalkerin kann sich frei bewegen.
Sie ist nicht gefesselt von Leinen, sondern führt den Rahmen.

Fehlt das, wird aus „Spaziergang“ ein Leinen-Macramé.
Und die Person in der Mitte ist nicht mehr Führung – sondern nur noch die, die alles gleichzeitig retten muss.

Genau so ist’s im Team:
Wenn Rollen unklar sind, Schnittstellen zufällig und Entscheidungen folgenlos, dann verheddert sich Verantwortung – und landet bei den Falschen.
Und tadaaa: Held:innen entstehen.

Wenn du das kennst, frag dich: Was brauchst du, um nicht dauernd retten zu müssen?

Dafür braucht es keine neue Kulturkampagne.
Sondern drei ganz praktische Dinge:

1. Klare Rollen mit Entscheidungsspielraum.

Nicht nur „du bist verantwortlich“, sondern:
Wofür genau? Was darfst du entscheiden? Wann eskalierst du? Welche Schnittstellen gelten?

2. Entscheidungen, die Spuren hinterlassen.

Eine Entscheidung ist erst eine Entscheidung, wenn ein Team daraus handeln kann.
Dafür braucht es: klare Aussage, klare:n Owner:in, ersten Schritt, Zeitpunkt.

3. Prinzipien für Überraschungen.

Regeln helfen nur bis zum ersten Sonderfall. Dann braucht es Prinzipien:
So entscheiden wir, wenn wir’s nicht wissen.

Und wenn du selbst Held:in bist?

Dann lies das bitte doppelt freundlich.

Ich weiß, wie gut es sich anfühlt, gebraucht zu werden.
Wie stark. Wie sinnhaft. Wie klar.

Aber wenn du ständig rettest, ist die Frage nicht:

„Wie werde ich entspannter?“

Sondern:

„Welche Struktur macht meine Rettungsaktivitäten notwendig?“

Du musst dich nicht ändern. – Aber vielleicht das System.

Fazit:

Organisationen brauchen keine Helden.
Sie brauchen Strukturen, die Menschen halten.
Nicht weniger Engagement. Nicht weniger Verantwortungsgefühl.
Sondern Strukturen, die beides aushalten.

Nicht lauter. Klarer.

Und jetzt du:

Wo in deinem Bereich hängt Stabilität gerade an einer Person? Verlässt sich das System zu sehr auf Einzelne – vielleicht sogar auf dich?
Was müsste sich strukturell ändern, damit das nicht mehr nötig ist?
Du musst nicht alles alleine halten. Aber du kannst der Anfang sein für Strukturen, die es tun.

3 Kommentare
  1. Sabine Brunke-Reubold
    Sabine Brunke-Reubold sagte:

    Liebe Susanne, danke für diesen Augenöffner. Ich bin auch gerne mal die „Heldin“. Weil ich es kann, und weil es mir Freude macht. Und du hast recht, es stopft nur Löcher, die eigentlich repariert werden müssen.
    Ich werde zukünftig bewusster an solche Situationen herangehen. Helfen: ja, aber nicht als Dauerlösung.

    Antworten

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  1. […] genau da fängt das Problem an.Weil „Zum Glück haben wir dich“ oft bedeutet: Ohne dich läuft’s nicht. Und wenn es ohne dich nicht läuft, dann läuft es […]

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