Wenn Regeln nicht mehr reichen
Wie du entscheidbare und unentscheidbare Entscheidungen erkennst – und warum das dein Führungsleben sofort leichter macht.
Neulich mit Emil auf unserer Stammstrecke.
Ein Weg, den wir unzählige Male gelaufen sind. Emil weiß genau, wo eine Abzweigung kommt, wo diese Hündin wohnt, die aussieht wie ein aufgeplatztes Sofakissen und bellt wie ein Monsterrottweiler und an welcher Stelle es immer nach Reh riecht.
Er läuft die Kurven fast im Schlaf.
Es wirkt wie ein automatisierter Ablauf:
Wenn Spur klar → folgen.
Kein Überlegen. Kein Abwägen. Kein Entscheiden.
Einfach Routine – ein Prozess der sich bewährt hat.
Am Nachmittag stehen wir in einem ganz neuen Gebiet.
Keine bekannten Wege, keine vertrauten Gerüche, keine abgespeicherten Muster.
Ich sehe es sofort, die Rute geht hoch, der Schritt wird unregelmäßiger.
Er schaut, stoppt, prüft – und fällt dann in seine „Grundregeln“ zurück:
- erst scannen,
- erst warten,
- erst absichern.
Nicht weil das die beste Antwort wäre. Sondern, weil sein inneres Muster das sagt:
„Wenn ich nicht weiß, was gerade richtig ist – mache ich erstmal das, was schon immer funktioniert hat.“
Und genau hier wird die Verbindung zur Führung interessant:
Manche Situationen liefern dir klare Signale.
Andere aktivieren zusätzlich deine oder die organisationalen Muster.
Willkommen in deinem Führungsalltag.
Wenn der Weg klar ist – Entscheidbare Entscheidungen
Es gibt Entscheidungen, die funktionieren wie Emils Stammstrecke: vorhersehbar, vergleichbar, logisch einzuordnen.
Typische Fragen:
- „Welches Angebot ist günstiger bei gleicher Qualität?“
- „Welche Software erfüllt definierte Pflichtkriterien?“
- „Welcher Raum ist groß genug?“
Diese Entscheidungen sind entscheidbar, weil:
- die Kriterien klar sind,
- die Optionen vergleichbar sind,
- die Konsequenzen überschaubar sind.
Das ist kein Drama, das ist Management und keine Führungsheldentat.
Es ist schlicht ein Prozess – ähnlich wie Emil, der dem bekannten Weg folgt.
Wenn Kultur entscheidet – Unentscheidbare Entscheidungen
Und dann gibt es die andere Sorte: Entscheidungen, die sich nicht wie Optionen A oder B anfühlen,
sondern wie Emils Verhalten im unbekannten Gebiet.
Es sind Entscheidungen, die du nicht per Beschluss verändern kannst, weil sie an tiefer liegende kulturelle Muster gebunden sind.
Fragen wie:
- „Wie gehen wir mit Fehlern um?“
- „Ist Unsicherheit zeigbar?“
- „Wie viel Verantwortung und Vertrauen leben wir wirklich?“
- „Ist Widerspruch erlaubt?“
Diese Themen sind unentscheidbar, weil:
- du sie nicht durch eine Ansage ändern kannst,
- sie historisch gewachsen sind,
- sie Teil des Selbstverständnisses sind,
- und sie sich erst durch verändertes Verhalten verändern – nicht durch Beschlüsse.
Warum wir überhaupt entscheiden müssen
(ein kurzer Realitätscheck nach Gerhard Wohland)
Wohland sagt es so schön:
„Entscheiden muss man nur da, wo Unsicherheit ist.
Ist alles klar – ist es ein Prozess.“
Und plötzlich ergibt alles Sinn:
- Ist klar wie es geht → Routine
- Ist klar was du willst → Prozess
- Ist unklar was passieren wird → Entscheidung
Bei Emil: Stammstrecke = Prozess, neues Gebiet = Entscheidung
In Unternehmen: Je mehr Unsicherheit, desto wichtiger die Entscheidung.
Wo es schiefgeht: Wenn Organisationen so tun, als wäre alles entscheidbar
Und hier wird es spannend.
1. Analyse-Schleifen als Sicherheitssurrogat
„Uns fehlen noch zwei Zahlen … dann können wir entscheiden.“
Aber kaum sind sie da, fehlen neue.
Es geht selten um Information – es fehlt das innere Okay, dass Entscheidungen nie ganz sicher sind.
Also folgt: mehr Daten, mehr Tabellen, mehr Runden, mehr Slides.
Das sieht rational aus, ist aber oft der Versuch, Unsicherheit wegzurechnen.
Doch die bleibt – hübscher verpackt, immer noch da.
Ergebnis:
Die PowerPoint wird dicker.
Die Timeline länger.
Die Entscheidung bleibt aus.
Weil man still hofft: „Wenn wir nur lange genug rechnen, wird irgendwann ein klarer Weg sichtbar.“
Tut er aber nicht.
2. Diskussionen auf der falschen Ebene
Vorne werden scheinbar sachliche Argumente ausgetauscht: Zahlen, Risiken, Chancen, Prozessdetails.
Man spricht darüber, was man tun könnte – als wäre alles logisch abwägbar und sauber vergleichbar.
Doch im Hintergrund läuft etwas ganz anderes mit:
- Erwartungen („Ich will hier nicht als Bremser dastehen.“)
- Ängste („Wenn wir uns falsch entscheiden, fällt es auf mich zurück.“)
- unausgesprochene Prämissen („Hier wurden große Veränderungen noch nie gutgeheißen.“)
- Loyalitäten („Ich darf XY nicht übergehen.“)
- alte Erfahrungen („Das hat beim letzten Mal schon Ärger gegeben.“)
Die Menschen sprechen über Zahlen, meinen aber: Zugehörigkeit, Sicherheit, Macht, Einfluss, Identität.
Folge:
Viel Bewegung, keine Richtung.
Viele Worte, keine Entscheidung.
3. Glaubenssätze im Business-Outfit
Manchmal scheitern Entscheidungen nicht an Sachargumenten – sondern an Sätzen, die klingen wie Fakten, aber in Wahrheit nichts anderes sind als alte Geschichten, die niemand mehr hinterfragt.
Typische Klassiker:
- „Unsere Kunden erwarten das so.“
- „Das geht bei uns nicht.“
- „Dafür sind wir noch nicht bereit.“
- „Die Geschäftsführung würde das nie genehmigen.“
- „Das könnten wir vielleicht in zwei Jahren mal angehen.“
Diese Sätze wirken stabil, logisch und unverrückbar.
Aber wenn man sie genauer anschaut, sind sie oft:
- veraltete Erfahrungen,
- Annahmen ohne Daten,
- Schutzmechanismen und interne Mythen,
- und manchmal schlicht: ein kollektiver Reflex.
Was passiert dann?
Eine Option wird gar nicht erst gedacht.
Eine Idee gilt als „unmöglich“, bevor jemand sie prüft.
Eine Veränderung wirkt riskant – nur, weil sie neu ist.
Und das Perfide daran:
Diese Glaubenssätze sind unsichtbar.
Sie stehen in keinem Handbuch.
Sie wurden nie beschlossen.
Aber sie prägen jede Diskussion.
Sie entscheiden, was überhaupt als „realistisch“ gilt – lange bevor die Sache selbst auf den Tisch kommt.
So wie ein Hund, der früher mal an einen Zaun gestoßen ist und heute noch davor stoppt, obwohl der Zaun längst weg ist.
Der Körper erinnert sich an eine Grenze, die real nicht mehr existiert. Und die Organisation erinnert sich an Grenzen, die niemand mehr geprüft hat.
Die unsichtbare Macht der Entscheidungsprämissen
(oder: Warum Organisationen handeln, wie sie handeln)
Niklas Luhmann beschreibt Organisationen auch als Gefüge aus Entscheidungsprämissen – also Strukturen, die festlegen, welche Entscheidungen überhaupt plausibel erscheinen. Quasi unsichtbare Voreinstellungen.
Diese Prämissen wirken wie Emils innere Regeln im neuen Gebiet: unsichtbar aber extrem wirksam.
Es gibt vier zentrale Arten:
1. Programme
Offizielle Vorgaben wie Strategien, Ziele, Prozesse.
Setzen Richtung und Begrenzung.
2. Kommunikationswege
Wer entscheidet mit wem wie?
Gremien, Rollen, Freigaben – sie bestimmen, wo Entscheidungen möglich sind.
3. Personal – Menschen in Rollen
Menschen bringen ihre Entscheidungslogik mit:
risikofreudig oder vorsichtig, kontrollierend oder vertrauensbasiert.
4. Kultur & Glaubenssätze – Die unsichtbaren Zäune
Was in keinem Handbuch steht, aber alles prägt:
„Das macht man hier nicht“, „Dafür sind wir nicht mutig genug.“
Diese kulturellen Prämissen werden nicht beschlossen – aber sie steuern Entscheidungen oft stärker als alle anderen Arten zusammen.
Warum das wichtig ist
Wenn du erkennst, welche Prämissen wirken, passieren vier Dinge:
- Du erkennst, warum Entscheidungen hängen.
- Du verstehst, welche Stellschrauben du hast – und welche nicht.
- Du verwechselst den Menschen nicht mehr mit der Rolle oder der Struktur.
- Du hörst auf, dich selbst für strukturelle Muster verantwortlich zu machen.
Kurz: Führung wird klarer.
Wie du in unsicheren Situationen trotzdem entscheidest
Führung heißt nicht, Sicherheit herzustellen. Sondern Sicherheit im Unsicheren zu gestalten.
„Wir haben genug Informationen.
Ein Rest bleibt unklar – das ist normal.
Ich entscheide mich für Option A, weil sie zu Ziel X passt.
Das Risiko Y gehen wir bewusst ein.
Und wir prüfen später nach.“
Keine Allwissenheit.
Aber Klarheit.
Und das ist genau das, was Teams brauchen.
Dein Mini-Experiment für diese Woche
Nimm dir eine aktuelle Entscheidung und frage dich:
- Was daran ist entscheidbar?
- Welche Teile bleiben unsicher, egal wie viel du analysierst?
- Welche unsichtbaren Zäune könnten hier wirken?
- Welche Option würdest du wählen, wenn dieser Zaun nicht existieren würde?
Diese vier Fragen bringen oft schon eine überraschende Klarheit.

🧰 Dein nächster Schritt
Wenn du Lust hast, diese Unterscheidung zwischen entscheidbaren und unentscheidbaren Entscheidungen im Alltag wirklich zu nutzen, hol dir gern meinen Entscheidungscanvas. Der hilft dir, Klarheit zu schaffen, bevor du in die nächste Analyse-Schleife rutschst.
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Und jetzt – eine ehrliche Frage an dich:
Wo hält dich gerade ein unsichtbarer Zaun zurück?
Und mal ehrlich:
Welche Entscheidung würdest du treffen, wenn du nicht so tun würdest, als bräuchtest du noch diese eine PowerPoint-Folie mehr?
Genau.
Denk kurz drüber nach – und dann:
Entscheide einfach. Nicht perfekt. Nur echt.




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