Gib das Problem raus. Nicht die Lösung

Im letzten Artikel ging es darum, rote und blaue Aufgaben auseinanderzuhalten – also zu erkennen, wo Kontrolle hilft und wo sie im Weg steht. Die häufigste Rückfrage darauf war praktisch: „Gut, ich habe jetzt eine rote Aufgabe erkannt. Und dann? Ich kann sie ja schlecht anweisen.“ Stimmt. Du kannst etwas anderes tun, und es ist unbequemer als es klingt: das Problem ausstellen, statt es zu lösen.

Die Geruchsprobe

Am Anfang eines Mantrails steht ein kleines Ritual. Ich halte Emil einen Gegenstand hin – ein Kleidungsstück, einen Schlüsselbund, irgendetwas, das die gesuchte Person berührt hat. Der Gegenstand liegt in einer Tüte, und ich fasse ihn nur mit Handschuh an. Mein eigener Geruch hat da nichts zu suchen. Er würde den Geruch, um den es geht, verunreinigen. Emil nimmt auf. Dann geht er los.

Das ist alles, was ich beitrage. Und selbst das so sparsam wie möglich.

Ich sage ihm nicht, wo die Person ist. Ich weiß es nicht. Ich sage ihm auch nicht, ob er links oder rechts anfangen soll, ob der Weg über den Parkplatz sinnvoller ist als der durchs Gebüsch. Ich gebe ihm den Auftrag – nicht den Weg. Der Auftrag ist präzise: dieser Geruch, diese Person, jetzt. Der Weg ist komplett seiner.

Es hat lange gedauert, bis ich das ausgehalten habe. Der Reflex, mit dem ich in dieses Training gegangen bin, war ein anderer: Ich habe eine Idee, ich sehe einen Weg, ich glaube, mehr Überblick zu haben – und schon fange ich an zu lenken. Oder zu zögern. Das Ergebnis ist jedes Mal dasselbe: Er arbeitet nicht mehr, er guckt zu mir. Und dann sind wir zu zweit ahnungslos, aber nur einer von uns hat die passende Nase.

Der Reflex, der alles verlangsamt

Dieser Reflex hat in Organisationen einen sehr guten Ruf. Er heißt dort Verantwortung.

Jemand kommt mit einem Problem zu dir. Du bist Führungskraft, du bist erfahren, du hast Überblick – also denkst du mit. Du denkst so lange mit, bis du eine Lösung hast. Die gibst du weiter. Und weil du eine gute Führungskraft bist, gibst du sie freundlich weiter, erklärst sie sogar, fragst am Ende noch „passt das für dich?“.

Was du gerade getan hast: Du hast dir das Problem genommen und die Lösung zurückgegeben.

Bei blauen Aufgaben ist das völlig in Ordnung. Bekanntes Problem, vorhandenes Wissen, klare Antwort – wer hier lange partizipieren lässt, verschwendet die Zeit von allen. Aber bei roten Aufgaben, bei denen also niemand die Lösung vorher kennen kann, passiert etwas anderes. Du gibst eine Antwort auf eine Frage, die du selbst nicht beantworten kannst. Und du machst gleichzeitig die Kompetenz unsichtbar, die vielleicht drei Meter weiter im Raum sitzt.

Im letzten Artikel habe ich von einem Klienten erzählt, der für sein Team der Ansprechpartner für alles war. Jede Frage landete bei ihm, er beantwortete sie auch, und am Ende wartete das ganze Team auf ihn, während er selbst nicht mehr zu seiner Arbeit kam. Seine erste Erklärung dafür war: „Die trauen sich nicht.“

Als wir genauer hingeschaut haben, war es umgekehrt. Sie hatten es sich abgewöhnt. Nicht aus Angst – aus Erfahrung. Wer ein Problem in sein Büro trug, kam mit einer Lösung wieder raus. Verlässlich. Jedes Mal. Warum sollte man sich dann noch die Mühe machen, selbst nachzudenken?

Er hat übrigens nie kontrolliert. Er war einfach schnell, klug und hilfsbereit. Das reicht völlig.

Wer das Problem behält, behält auch die Lösung. Und alle anderen warten.

Probleme ausstellen statt Lösungen ausrollen

Gerhard Wohland beschreibt für genau diesen Moment zwei Wege. Weg eins: Du löst das neue Problem selbst und weist die Lösung an – das ist Steuerung. Weg zwei nennt er Probleme anbieten, statt Lösungen auszurollen. Ich sage lieber ausstellen. Ein ausgestelltes Bild hängt sichtbar im Raum, beleuchtet, mit Schild daneben. Es zwingt niemanden. Wer vorbeigeht, geht vorbei. Wer stehen bleibt, tut es, weil ihn etwas daran interessiert. Und meistens ist das genau die Person, die etwas damit anfangen kann.

Ausstellen heißt nicht abladen. Es heißt: Das Problem bekommt eine Form, in der andere daran arbeiten können. Es hat einen Rahmen, eine Frist, einen Entscheidungsspielraum, und es ist klar, woran man merken würde, dass es gelöst ist. Was fehlt, ist nur eins – der Weg.

Auf eine Sache kommt es dabei besonders an, und Wohland hat einen eigenen Begriff dafür: Widerständigkeit. Gemeint ist die Härte des Problems – und dass du sie nicht dämpfen darfst. Ein Problem, das du weichspülst, damit es niemanden überfordert, ist kein Problem mehr, an dem sich arbeiten lässt. Es ist eine Hausaufgabe.

Was du dafür bekommst: Einwände, die dir nicht eingefallen wären, weil andere näher dran sind. Widerspruch, der dich ärgert und trotzdem stimmt. Das ist kein Störgeräusch auf dem Weg zur Lösung. Das ist der Weg zur Lösung.

Und ja – das ist unbequemer, als es hier klingt. Ein ausgestelltes Problem sieht in den ersten Tagen aus wie Unentschlossenheit. Es dauert länger als deine fertige Antwort. Es kommt garantiert der Moment, in dem jemand sagt: „Sag doch einfach, wie du’s haben willst.“ Das ist der Punkt, an dem die meisten einknicken. Verständlich. Aber genau da entscheidet sich, ob das Team beim nächsten Mal wieder wartet.

Einknicken ist dabei nur die laute Variante. Die leise heißt zögern: Das Problem steht im Raum, du stehst unsicher daneben, du fragst öfter nach als nötig. Auch das ist eine Botschaft, und sie lautet: Ich habe da doch eine Erwartung, ich sage sie nur nicht. Dann rät wieder jemand, statt zu arbeiten. Bei Emil sehe ich diesen Moment sofort – er hört auf zu suchen und guckt hoch. Ein Team arbeitet einfach höflich weiter.

Das ist keine Delegation

Der Unterschied wird ständig verwischt, und er ist entscheidend. Delegation heißt: Ich weiß, was zu tun ist, und gebe die Ausführung ab – die Lösung ist längst da, sie wandert nur nach unten. Ein Problem ausstellen heißt: Ich weiß es nicht. Ich gebe nicht Arbeit ab, sondern Deutungshoheit.

Deshalb funktioniert der beliebte Zwischenweg nicht: das Problem ausstellen und insgeheim doch die eigene Lösung im Kopf behalten. Dafür ist der Handschuh da. Wer seine Antwort mit ausstellt, verunreinigt das Problem. Das merken Menschen sofort. Sie hören auf, das Problem zu bearbeiten, und fangen an, deine Lösung zu erraten. Ein Ratespiel, in dem du immer gewinnst und die Organisation immer verliert.

Genau da hing mein Klient zuerst fest. Er hatte verstanden, dass er zu viel an sich zieht, und fing an, Themen abzugeben. Nur gab er sie mit seiner Antwort im Hinterkopf ab – und guckte dann, ob die Leute darauf kommen. Sie kamen mit Vorschlägen zurück, er machte kleine Korrekturen, alle waren höflich. Verändert hat sich nichts. Sein Satz dazu: „Ich delegiere doch schon.“ Ja. Er hat Arbeit verteilt. Das Denken war weiter bei ihm.

Wissen kannst du verteilen. Können nicht.

Warum das überhaupt funktioniert, wird klarer mit einer zweiten Unterscheidung von Wohland: Wissen und Können.

Wissen lässt sich übertragen. Man kann es aufschreiben, in Handbücher gießen, in Seminaren weitergeben, per Mail schicken. Wissen ist der Rohstoff für blaue Aufgaben – bekannte Probleme, bekannte Antworten.

Können lässt sich nicht übertragen. Es entsteht durch Üben auf Basis von Talent, und es steckt in einer bestimmten Person. Es lässt sich nicht in einen Prozess auslagern, nicht in ein Tool, nicht in eine Präsentation. Es kann nur genutzt werden – oder eben nicht. Wenn die Person mit dem passenden Talent nicht an das Problem herankommt, war das Können trotzdem da. Es ist nur nichts damit passiert.

Das ist der Grund, warum bei roten Aufgaben so viel Kompetenz brachliegt, ohne dass es jemandem auffällt. Sie erscheint in keiner Statistik. Niemand meldet „mein Talent wurde heute nicht gebraucht“. Man sieht nur, dass es langsam vorangeht.

Und damit sind alle erstaunlich einverstanden, weil ungenutztes Können keinen Fehler erzeugt, sondern eine Lücke. Ein Fehler fällt auf. Eine Lücke nicht. Niemand vermisst eine Lösung, die er nie gesehen hat. Für langsam gibt es außerdem immer eine Erklärung, die keinem wehtut: schwieriges Thema, dünne Besetzung, zu viel parallel. Die Erklärung stimmt meistens sogar. Sie ist nur nicht der Grund.

Wohland beschreibt das in seinem Denkzettel zu Steuerung und Führung erfreulich unpathetisch: „Hat die Führung hohes Ansehen, reicht es, Probleme zu zeigen, um Talente zu gewinnen.“ Ansehen, nicht Macht. Und er begründet das praktisch, nicht moralisch: Ein Mächtiger kann keinen Rat geben – sein Rat käme als Anweisung an. Genau deshalb kippt der Zwischenweg von vorhin so zuverlässig ins Ratespiel. Es liegt nicht an deinem Tonfall.

Du musst das Können deiner Leute also weder erzeugen noch verstehen. Du musst es nur an das Problem lassen.

Genau das ist die Geruchsprobe. Ich verstehe nicht, was Emil riecht. Ich könnte es nicht mal beschreiben. Ich sorge nur dafür, dass seine Nase an die richtige Aufgabe kommt – und halte dann still.

Was du dabei aushalten musst

Drei Dinge, ehrlicherweise.

Es sieht zuerst nach Rückschritt aus. Neue Lösungen sind bei Wohland das letzte Glied einer Kette von Niederlagen und Irrtümern. Wer die Irrtümer wegorganisiert, organisiert die Lösung gleich mit weg.

Es kommt etwas anderes raus, als du gedacht hättest. Das ist kein Betriebsunfall, das ist der Zweck der Übung. Wenn regelmäßig genau deine Lösung herauskommt, hast du das Problem nicht ausgestellt, sondern nur schöner verpackt.

Du wirst überflüssig – an dieser einen Stelle. Für viele Führungskräfte ist das der eigentliche Widerstand, auch wenn er selten so ausgesprochen wird. Wer immer die Antwort hat, wird gebraucht. Spürbar, täglich, nachweisbar. Wer Probleme ausstellt, wird an dieser Stelle nicht mehr gebraucht – und hat plötzlich Zeit für die Fragen, die wirklich nur bei ihr oder ihm liegen. Das fühlt sich am Anfang nicht wie Erfolg an. Es ist trotzdem einer. Wer da Heldentum vermisst, findet in Wir brauchen keine Helden mehr. Punkt. den passenden Gegenentwurf.

Bei meinem Klienten hat sich das an einem einzigen Satz gedreht. Als das nächste Mal jemand mit einer Situation kam, für die es keine Vorlage gab, löste er sie nicht. Er sagte: „Ich weiß es nicht. Ihr seid näher dran. Bis Donnerstag. Ihr braucht keine Freigabe von mir, ich brauche eure Entscheidung.“ Was danach kam, war zunächst unangenehm. Rückfragen, Unsicherheit, zwei Anläufe, die nichts wurden. Aber dann war die Entscheidung da. Einige Wochen weiter kamen die Themen nicht mehr als Fragen zu ihm, sondern als Information. Nicht alle. Aber genug, dass sein Kalender wieder ihm gehörte – ganz ohne das Zeitmanagement, wegen dem er ursprünglich gekommen war.

Drei Sätze, mit denen du ein Problem ausstellst

Kein Werkzeugkasten, nur drei Formulierungen, die den Unterschied im Alltag machen:

  • „Ich weiß es nicht.“ Ehrlich gesagt der schwerste. Er beendet das Ratespiel und macht den Weg frei für echte Beiträge.
  • „Hier ist das Problem, hier ist der Rahmen, bis Freitag entscheidet ihr – ohne Freigabe von mir.“ Auftrag ohne Weg. Die Geruchsprobe.
  • „Was übersehe ich?“ Die Einladung zur Widerständigkeit. Nicht rhetorisch fragen – sonst zerstört die erste Antwort das Vertrauen für die nächsten zehn.

Fazit

Bei neuen Problemen ist die beste Antwort nicht deine Aufgabe. Deine Aufgabe ist, das Problem so auszustellen, dass es die Menschen trifft, die es lösen können – und dann die unbequeme Phase auszuhalten, in der noch nichts kommt.

Du musst das Können deiner Leute nicht verstehen. Du musst nur aufhören, ihm im Weg zu stehen.

Und jetzt du

Denk an das letzte neue Problem, das jemand zu dir getragen hat. Wer ist damit rausgegangen – du oder die Person?

Und falls du gerade merkst, dass du in deiner Organisation die Einzige bist, die Probleme lösen darf: Das ist keine Charakterfrage. Das ist eine Struktur, und Strukturen kann man ändern. Nur sieht man die eigene schlecht von innen – du steckst ja mittendrin, und genau die Muster, die dich ausbremsen, sind für dich die normalste Sache der Welt. Dafür braucht es einen Blick von außen. Wenn du magst, schauen wir gemeinsam drauf – in einem Kennenlerngespräch.

FAQ

Wie gebe ich als Führungskraft Verantwortung ab, ohne die Kontrolle zu verlieren?
Indem du unterscheidest, was du abgibst. Bei bekannten Aufgaben gibst du Ausführung ab und behältst die Vorgabe – das ist Delegation, und Kontrolle ist dort sinnvoll. Bei neuen, unklaren Aufgaben gibst du das Problem selbst ab, inklusive des Wegs zur Lösung. Kontrolle ersetzt du dort durch einen klaren Rahmen: Auftrag, Entscheidungsspielraum, Frist und ein gemeinsames Verständnis davon, woran ihr merkt, dass das Problem gelöst ist.

Warum bringt mein Team keine eigenen Lösungen?
Meistens nicht, weil die Kompetenz fehlt, sondern weil sie sich nicht lohnt. Wenn Probleme verlässlich mit einer fertigen Antwort aus dem Führungsbüro zurückkommen, ist Mitdenken unbezahlte Zusatzarbeit. Das Verhalten folgt dem Rahmen – im Team wie an der Leine. Wer will, dass Lösungen von innen kommen, muss aufhören, sie von außen zu liefern, und die erste unbequeme Phase aushalten, in der noch nichts kommt.


Woher das kommt

Die Unterscheidung von Steuerung und Führung, von Wissen und Können und der Gedanke, Probleme anzubieten statt Lösungen auszurollen, stammen von Gerhard Wohland. Wer das im Original lesen will: die Denkzettel sind frei verfügbar und jeweils eine Seite lang – Nummer 1, 5 und 22 sind die, um die es hier ging. Ausführlicher steht es in Denkwerkzeuge der Höchstleister von Gerhard Wohland und Matthias Wiemeyer.

Der Begriff „ausstellen“ ist meiner. Wohland sagt „anbieten“.

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