Susanne Schreeck im Vordergrund, ihr Hund Emil bleibt im Hintergrund am langen Leinenende zurück – ein Bild zum Unterschied zwischen Führung und Steuerung.

Führung ohne Follower

Ich habe einmal eine Klientin begleitet, die alles richtig gemacht hatte. Sie hatte eine Richtung – klar, gut begründet, mit einem sauberen Plan und Meilensteinen, die man hätte abhaken können. Sie hatte das Ganze im Team vorgestellt, ruhig und überzeugend. Alle hatten genickt.

Drei Monate später hatte sich nichts bewegt.

Kein lauter Widerstand, kein Aufstand, niemand, der dagegengehalten hätte. Nur: Es passierte schlicht nichts. Die Leute machten weiter wie vorher. Und sie saß mir gegenüber und stellte die Frage, die ich in dieser oder ähnlicher Form immer wieder höre:

„Ich habe doch geführt. Warum folgt mir keiner?“

Ich musste an einen Satz denken, der überhaupt nicht nach Führungstheorie klingt: Dann hast du vielleicht nicht geführt. Dann bist du vorausgegangen. Das ist nicht dasselbe.

Im Kern geht es um den Unterschied zwischen Führung und Steuerung – und der ist größer, als die meisten denken.

Vorne sein ist noch keine Führung

Wir tragen ein hartnäckiges Bild im Kopf. Führung heißt: vorne gehen. Vorne die Chefin, die Richtung im Blick, dahinter das Team, das folgt. Follower eben. Das Bild ist so vertraut, dass wir es kaum noch hinterfragen.

Nur stimmt es nicht. Genauer: Es verwechselt eine Position mit einer Wirkung.

Vorne zu sein ist eine Position. Du kannst sie einnehmen, indem du den Titel hast, das Eckbüro, das letzte Wort. Geführt hast du damit noch nichts. Führung ist keine Position, sondern eine Beziehung – und die entsteht erst in dem Moment, in dem jemand mitgeht. Kein Mitgehen, keine Führung. So einfach und so unbequem ist das.

Damit ist der Titel dieses Textes eigentlich ein Etikettenschwindel. Führung ohne Follower gibt es nicht. Wer vorausläuft, sich umdreht und niemand ist da, hat nicht geführt. Der ist spazieren gegangen.

Emil hat mir das beigebracht, an einem ganz gewöhnlichen Morgen. Kein Training, keine Suche, einfach eine Runde um den Block. Ich war in Gedanken, ging zügig voran, im Kopf schon beim ersten Termin – und ging selbstverständlich davon aus, dass er neben mir läuft. Irgendwann drehte ich mich um. Emil stand zwanzig Meter hinter mir, die Nase tief im Gras, vollkommen unbeeindruckt von meiner Richtung.

Ich war vorne. Geführt hatte ich niemanden.

Natürlich könnte ich an der Leine ziehen. Dann kommt er auch – gezerrt, widerwillig, mit gestemmten Pfoten. Aber das ist kein Folgen. Das ist Schleppen. Ich kann einen Hund hinter mir herziehen. Mitzugehen kann ich ihn nicht zwingen. Und der Unterschied zwischen Ziehen und Mitgehen ist exakt der Unterschied, um den es in Organisationen geht.

Führung und Steuerung – Folgen kannst du nicht anordnen

Hier wird es kurz theoretisch – aber nur kurz, versprochen. Gerhard Wohland, dessen Denken meine Arbeit stark prägt, trennt zwei Dinge, die ständig in einen Topf geworfen werden: Steuerung und Führung.

Steuerung braucht Macht und kennt die Lösung schon. Sie funktioniert wunderbar, solange die Welt berechenbar ist: Vorgabe rein, Ergebnis raus. Führung dagegen braucht etwas anderes – Ansehen. Sie bringt Menschen mit Problemen in Resonanz, statt ihnen fertige Lösungen überzustülpen.

Der entscheidende Punkt steckt im Wörtchen Ansehen. Macht kannst du dir nehmen. Ansehen nicht. Ansehen wird dir gegeben – oder eben nicht. Und genau deshalb kannst du Folgen nicht anordnen. In dem Augenblick, in dem du es erzwingst, ist es keine Führung mehr. Dann steuerst du. Dann ziehst du an der Leine.

Niklas Luhmann würde es noch nüchterner sagen: Menschen und Teams sind operational geschlossene Systeme. Du kannst von außen nicht direkt in sie hineingreifen und einen Schalter umlegen. Du kannst sie nur irritieren – ein Angebot machen, eine Richtung anbieten, eine Bedingung verändern. Ob daraus Bewegung wird, entscheidet das System selbst. Sprich: die Leute. Nicht du.

Ich weiß, das ist schwer zu akzeptieren – für die meisten Führungskräfte fühlt es sich fast wie eine Kränkung an: Der wichtigste Teil deiner Führung liegt nicht in deiner Hand. Du kannst die Richtung klar machen. Du kannst es wert sein, dass man mitkommt. Aber das letzte Stück – das Mitgehen – gehört den anderen.

Wer führt, ohne dass ihm die Menschen folgen, geht nur spazieren

Reinhard K. Sprenger

Der ehrlichste Führungstest, den ich kenne

Er ist albern einfach: Dreh dich um. Geht jemand mit?

Nicht: Nicken sie in Meetings? Nicht: Steht es im Protokoll? Sondern: Bewegt sich tatsächlich etwas in die Richtung, die du gemeint hast – auch dann, wenn du nicht im Raum bist?

Wenn die Antwort Nein lautet, hilft erstaunlich selten das, was die meisten zuerst versuchen: lauter werden, entschlossener auftreten, noch einen Plan hinterherschieben. Das ist mehr Ziehen an der Leine. Es erzeugt straffe Leinen und müde Teams, aber kein Mitgehen.

Was hilft, ist die unbequemere Frage: Warum sollte hier eigentlich jemand mitgehen? Ist die Richtung verständlich? Ist sie es wert? Und habe ich genug Ansehen – genug Vertrauen –, dass man mir ein Stück Weg zutraut? Vertrauen ist dabei keine nette Geste, sondern Struktur: Es entscheidet darüber, ob deine Irritation als Einladung ankommt oder als Befehl.

Die Klientin vom Anfang hat irgendwann aufgehört zu fragen, warum ihr keiner folgt. Sie hat angefangen zu fragen, warum hier eigentlich jemand mitgehen sollte. Sie hat ihre Richtung nicht mehr verkündet, sondern an den Stellen geöffnet, an denen ihr Team längst eigene Antworten hatte. Es wurde nicht lauter. Es wurde Bewegung.

Und noch etwas gehört hierher, gerade weil ich gern mit Frauen arbeite. Ob jemand überhaupt als Führung „gelesen“ wird, hängt nicht nur am Mitgehen der anderen – sondern auch daran, wem eine Organisation Führung von vornherein zutraut. Führung wird nicht entdeckt. Sie wird zugeschrieben. Und Zuschreibung folgt Mustern.

Organisationen befördern selten die, die am meisten leisten. Sie befördern das, was sie als Führung erkennen können: wer sichtbar Raum nimmt, klare Ansagen macht, sich selbstverständlich zumutet. Wer dagegen dafür sorgt, dass Dinge funktionieren, Konflikte löst, bevor sie eskalieren, und ein System leise stabil hält, wirkt oft unspektakulär – und wird seltener als Führung gelesen, obwohl genau das häufig die eigentliche Führungsleistung ist. Das trifft Frauen statistisch häufiger, nicht weil sie weniger leisten, sondern weil sie häufiger genau die Arbeit machen, die sich schwer als „Führung“ erzählen lässt.

Der Punkt ist: Das ist kein individuelles Defizit, das man wegtrainieren müsste, sondern ein strukturelles Muster. Und Muster kann man nicht durch mehr Selbstoptimierung lösen, sondern nur, indem man sie sichtbar macht. Wer das versteht, hört auf, an sich zu zweifeln, und fängt an, an den Bedingungen zu drehen: daran, wer hier wem Führung zuschreibt – und wie die eigene Wirkung überhaupt erzählbar wird.

Also, bevor du das nächste Mal denkst, du hättest geführt: Dreh dich um. Geht jemand mit?

Fazit

Führung ist keine Position, sondern eine Beziehung. Sie entsteht nicht dadurch, dass du vorne stehst, sondern dadurch, dass jemand freiwillig mitgeht. Du kannst Richtung geben, Ansehen verdienen, Bedingungen gestalten. Erzwingen kannst du das Mitgehen nicht – sobald du es versuchst, steuerst du nur noch. Der Rest ist ein Spaziergang. Ein netter vielleicht. Aber eben keine Führung.

Wenn du gerade eine Richtung im Kopf hast und das Gefühl, dass niemand so recht mitkommt – das lässt sich sortieren. Oft liegt es weder an dir noch an „denen“, sondern an Bedingungen, die man sehen und verändern kann. Wenn du magst, denken wir gemeinsam darüber nach: Lass uns kennenlernen →

FAQ

Was ist der Unterschied zwischen Führung und Steuerung? Steuerung setzt auf Macht und kennt die Lösung bereits – Vorgabe rein, Ergebnis raus. Das funktioniert bei berechenbaren, komplizierten Aufgaben. Führung setzt auf Ansehen und Resonanz: Sie gibt Richtung, kann das Mitgehen aber nicht erzwingen. Faustregel: Wo du durchgreifen kannst, steuerst du. Wo du auf Freiwilligkeit angewiesen bist, führst du.

Kann man ohne Hierarchie oder formale Macht führen? Ja – das ist sogar der Normalfall echter Führung. Hierarchie verleiht Macht, also die Möglichkeit zu steuern. Führung dagegen braucht Ansehen, und das ist von einem Titel unabhängig. Menschen folgen einer Richtung, der sie vertrauen, nicht einer Position.

Was kann ich tun, wenn meine Mitarbeiter nicht folgen? Zuerst: aufhören, lauter zu werden – mehr Druck erzeugt straffe Leinen, kein Mitgehen. Dann drei Fragen klären: Ist die Richtung wirklich verständlich? Ist sie es wert, mitgegangen zu werden? Und genießt du genug Vertrauen, dass man dir ein Stück Weg zutraut? Meistens steckt die Antwort in einer dieser drei – nicht in noch mehr Nachdruck.

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