Führe deine Organisation wie einen Jagdhund
Manche Teams brauchen eine Woche für eine Entscheidung, die eigentlich in einer Stunde hätte fallen können. Andere entscheiden in Minuten und laufen prompt gegen dieselbe Wand wie beim letzten Mal. Beides hat oft denselben Grund: die falsche Leinenlänge. Zu viel Kontrolle, wo Vertrauen gebraucht wird, oder umgekehrt.
Die Frage nach dem nächsten Schritt
Vor einer Woche habe ich hier geschrieben: Die perfekte Lösung gibt es nicht. Den nächsten Schritt schon. Was ich nicht dazugeschrieben habe: Der nächste Schritt sieht nicht überall gleich aus, und er braucht auch nicht überall dieselbe Führung.
Manche Rückmeldungen darauf gingen genau in diese Richtung. Sinngemäß: Gut, ich entscheide jetzt mit dem, was ich habe, statt auf die perfekte Lösung zu warten. Aber wie viel Kontrolle behalte ich dabei? Wie viel gebe ich ab?
Die ehrliche Antwort: Kommt drauf an. Und genau dieses „Kommt drauf an“ lohnt sich, einmal genauer anzuschauen.
Jagdhunde brauchen keine strafferen Leinen
Mein Emil ist ein Vizsla, ein ungarischer Jagdhund. Der Organisationsberater Gerhard Wohland unterscheidet zwischen tayloristischen Organisationen, die nach fester Blaupause laufen, und dynamikrobusten, die auf die Kompetenz ihrer Leute setzen, weil sich die Bedingungen dort schneller ändern, als eine Blaupause mithalten kann. Für Letztere hat er ein Bild, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht: Organisationen sind wie Jagdhunde, leistungsfähig, aufmerksam, instinktiv handlungsbereit, wenn man ihnen nicht ständig die Leine straff zieht.
Ich musste bei dem Bild sofort an Meetings denken, in denen jemand eine neue, unklare Aufgabe bekommt, und danach engmaschig kontrolliert wird. Tägliche Statusrunden. Rückfragen zu jedem Zwischenschritt. Das liegt selten an Misstrauen gegenüber der Person. Meist geht es um Unsicherheit über die Sache selbst.
Das Ergebnis kennst du vermutlich: Die Person hört auf, eigene Wege zu suchen, und beginnt stattdessen, Erwartungen zu erraten. Der Jagdhund an der straffen Leine konzentriert sich nicht mehr auf seinen Job, er schaut nur noch, wohin die Hand zieht.
Die umgekehrte Idee, einfach überall die Leine loslassen, ist genauso falsch. Ein Jagdhund, der seinen Job im Schlaf beherrscht, jagt trotzdem nicht kreuz und quer durch die Gegend. Er arbeitet frei innerhalb des Reviers und bleibt dabei ansprechbar für seinen Führer, statt sich selbständig zu machen. Die Freiheit gilt fürs Wie, nicht für die Grenzen. Übertragen auf eine Aufgabe heißt das: Die Mitarbeiterin entscheidet selbst, mit wem sie spricht, in welcher Reihenfolge sie vorgeht, welches Tool sie nutzt. Ziel, Budget und Termin stehen dagegen fest. Die verhandelt niemand neu, nur weil der Weg dorthin offen ist.
Die Kunst liegt nicht darin, dich für „Leine“ oder „keine Leine“ zu entscheiden. Sondern darin, für jede Aufgabe neu zu erkennen, welche Länge gerade passt. Genau das ist die Antwort auf das „Kommt drauf an“ von eben: Es kommt darauf an, wie viel Neuland die Aufgabe gerade betritt.
Entscheidungsketten laufen unterschiedlich schnell
Nur hat in deiner Organisation nicht eine Aufgabe eine Leine, sondern jede Entscheidung ihre eigene. Niklas Luhmann beschreibt Organisationen als ein System aus lauter Entscheidungen, die aneinander anschließen: jede baut auf der vorigen auf, keine steht für sich endgültig fest. Was daraus für mich folgt: Wenn jedes Glied dieser Kette anders beschaffen ist, verträgt auch nicht jedes dieselbe Leinenlänge.
Aber nicht jedes Glied dieser Kette ist gleich unsicher. Manche Entscheidungen laufen auf bekanntem Terrain: Ihr habt sie in ähnlicher Form schon oft getroffen, die Bedingungen sind stabil, die Folgen bekannt. Ehrlich gesagt ist das oft weniger Entscheiden als Verwalten: der Weg liegt fest, es fehlt nur noch die Ausführung. Andere betreten Neuland: Bedingungen, die es in dieser Kombination noch nicht gab, Folgen, die niemand im Raum sicher vorhersagen kann. Hier wird tatsächlich entschieden, weil es echte Alternativen gibt.
Auf bekanntem Terrain darf die Leine kurz bleiben: klare Regeln, wenig Rückfragen, enger Rahmen. Zusätzlicher Freiraum würde hier nur zusätzliche Zeit kosten, ohne einen besseren Ausgang.
Auf Neuland dagegen bremst genau diese kurze Leine die ganze Kette aus. Wenn jede Abweichung vom Plan erst freigegeben werden muss, kommt die Organisation dort langsamer voran, wo sie eigentlich am meisten Tempo bräuchte, weil noch niemand weiß, wie der beste Weg aussieht.
Woran du die richtige Leinenlänge erkennst
Drei Fragen für situative Führung, die sich vor jeder Entscheidung stellen lassen, nicht nach der Wichtigkeit der Aufgabe, sondern nach ihrer Art.
Hattet ihr das schon mal – wirklich schon mal, nicht nur so ähnlich? Wenn ja, reicht meist geringe Führungsintensität: Der Weg liegt weitgehend fest, klare Vorgaben sparen hier nur noch Zeit.
Weiß irgendjemand im Raum sicher, was der richtige Weg ist? Wenn nein, verlängert engmaschige Kontrolle nur die Suche. Gebraucht wird Vertrauen in die, die näher dran sind, plus ein klarer Rahmen, an dem sie sich orientieren können.
Wie schnell verändert sich die Lage, während ihr entscheidet? Rückgängig machen lässt sich eine Entscheidung ohnehin nie, nur durch die nächste Entscheidung korrigieren. Die eigentliche Frage ist: Kommt eine Vorgabe von oben überhaupt noch rechtzeitig an, oder ist die Lage längst wieder eine andere, bis die Freigabe da ist? Wenn sich die Bedingungen schneller ändern, als eine zentrale Entscheidung hinterherkommt, bringt dich straffe Führung nicht ans Ziel, sondern nur zur veralteten Antwort. Dann zählt, wer vor Ort ist und selbst entscheiden kann, mehr als jede Vorgabe von oben – eingebettet in einen Rahmen, der Orientierung gibt, nicht einer, der jeden Schritt einzeln freigibt.
Bei einer Klientin von mir hat allein die zweite Frage den Unterschied gemacht: Sie hatte eine neue Aufgabe wie eine altbekannte geführt: Wochenreportings, Freigabeschleifen, jeder Schritt abgesichert. Als klar wurde, dass in Wahrheit niemand im Team den richtigen Weg kannte, fielen Reportings und Freigaben weg. Übrig blieben ein Ziel und ein Termin, an dem alle gemeinsam draufschauten. Noch in derselben Woche zog das Team spürbar an.
Und jetzt du
Emil bekommt bei jeder neuen Übung erstmal Leine, und so viel Möglichkeit, sich auszuprobieren, wie irgend geht. Bei den Übungen, die er im Schlaf kann, reicht ein Wort.
Welche Entscheidung liegt bei euch gerade an – eine, die ihr schon oft getroffen habt? Oder eine, die noch niemand im Raum wirklich kennt?
Und ehrlich: Behandelt ihr sie gerade so, wie es zu ihrer Art passt, oder einfach so, wie ihr Entscheidungen immer behandelt, unabhängig davon, was ansteht?
Das erkennt man selten von innen, weil man selbst mitten in der eigenen Leinenlänge steckt. Von außen fällt oft schon in einem einzigen Gespräch auf, was von innen monatelang niemand angesprochen hat. Wenn du magst, schauen wir gemeinsam drauf: Kennenlerngespräch
Fazit
Die meisten Führungskräfte fragen sich, ob sie insgesamt zu viel oder zu wenig kontrollieren. Die eigentlich hilfreiche Frage ist kleiner: Ist das hier gerade eine Entscheidung – oder Verwaltung? Wer das bei jeder einzelnen Aufgabe neu klärt, muss sich nie wieder zwischen Kontrolle und Vertrauen als Führungsstil entscheiden. Nur noch zwischen kurzer und langer Leine, für diese eine Aufgabe, gerade jetzt.
FAQ
Wie viel Freiraum sollte ich meinem Team bei neuen Aufgaben geben? Frag dich, ob die Situation in dieser Form schon einmal da war, ob im Team wirklich jemand den richtigen Weg kennt, und ob sich die Bedingungen schneller ändern, als eine zentrale Freigabe hinterherkommt. Ist die Situation bekannt, reicht geringe Führungsintensität: der Weg liegt weitgehend fest, es geht vor allem um Ausführung. Verändert sich die Lage bei echtem Neuland schnell, bringt enge Führung dich nicht ans Ziel: Dann zählt Kompetenz vor Ort mehr als eine Vorgabe von oben – eingebettet in einen orientierenden Rahmen statt Freigabeschleifen für jeden Schritt.
Woran erkenne ich Mikromanagement bei mir selbst? Ein erstes Zeichen: Du kontrollierst Aufgaben engmaschig, unabhängig davon, ob sie bekannt oder neu für dein Team sind. Der Unterschied zur situativen Führung aus diesem Artikel liegt genau darin: Bei Bekanntem reicht geringe Führungsintensität, bei Neuem braucht es mehr Führung – nur eben als Vertrauen plus Rahmen, nicht als Freigabeschleife für jeden Schritt. Bleibt die Leine überall gleich kurz, ist das Mikromanagement.
Woher das kommt: Der Vergleich von Organisationen mit Jagdhunden geht auf Gerhard Wohland zurück. Der Gedanke der Entscheidungsketten stammt von Niklas Luhmann. Dieser Artikel knüpft an Der nächste Schritt. Nicht die perfekte Lösung. an.







