Am Meer denke ich freier. Aber nicht wegen des Meeres
Am dritten Tag habe ich eine Schwimmweste gekauft.
Emil war vorher schon im Wasser. Reingerannt, dann kam die erste Welle und schwupps machte er, dass er wieder rauskommt. Das war dann doch zu gruselig. Er paddelte. Steil. Kopf hoch, die Vorderpfoten schlagen nach vorn raus, die Hinterhand hängt nach unten weg. Nichts wie raus, schütteln und sich an den sicheren Strand legen.
Mit Weste sieht das anders aus. Die Wellen tragen ihn und überspülen ihn nicht. Er liegt flach im Wasser. Die Hinterhand kommt hoch, der Körper wird waagerecht, das Paddeln wird ruhig. Er schwimmt raus, dreht, kommt zurück, will sofort nochmal. Zehn Minuten statt zwei.
Er ist über Nacht nicht mutiger geworden. Er hat auch nichts gelernt. Was sich geändert hat, ist der Auftrieb.
Der Hund bleibt derselbe. Das Wasser wird ein anderes.
Diesen Satz sage ich in Coachings jede Woche, nur mit anderen Worten: Verhalten folgt Bedingungen. Bei Maschinen kannst du eingreifen und mit einem berechenbaren Ergebnis rechnen — das nennt Gerhard Wohland Steuerung. Bei Lebewesen sitzt immer jemand dazwischen, der selbst entscheidet, was er mit deinem Eingriff macht.
Ich könnte Emil rufen, loben, anfeuern. Ich könnte ihn dreimal ins Wasser schicken und hoffen, dass er es diesmal länger aushält. Oder ich gebe ihm ein bisschen Auftrieb um den Brustkorb und schaue zu, wie er von allein weiterschwimmt.
Motivation war nie sein Problem. Er wollte immer.
Und weil ich das seit Jahren über Teams sage, ist es fair, es auch über mich zu sagen. Auch im Urlaub. Vor allem im Urlaub, denn hier fällt das weg, was zu Hause jeden halben Gedanken sofort einsortiert.
Zwei Tage Wind, dann sehe ich weiter
Ich habe hier drei Ideen für „Wandel gestalten“ gehabt, die im Büro nicht gekommen wären. Eine davon ändert die Module und ihren Inhalt ziemlich intensiv. Das Programm stellt einen Fall oder eine Problemstellung viel weiter an den Anfang, und die Analyse läuft begleitend.
Ich habe sie nicht aufgeschrieben. Nicht sofort.
Zu Hause wären alle drei innerhalb von zehn Minuten in Obsidian (mein „Gedächtnis“) gelandet, mit Tags, in einer Notiz namens „Programm v3″. Dann wären sie fertig gewesen, bevor sie gut waren. Eine Idee, die einen Ordner hat, ist keine Idee mehr, sie ist eine Aufgabe.
Hier lasse ich sie erst ein paar Tage durch die Gegend wehen, so wie den Sand, und sammle abends ein, was zurückkommt. Was den Weg zurückfindet, war eine Idee. Der Rest war Wind. Von den dreien ist eine übrig, und die anderen beiden vermisse ich nicht.
Das ist keine Kreativitätstechnik. Ich bin am Meer nicht klüger als am Schreibtisch. Es fehlt nur der Zwang, dass jeder halbfertige Gedanke am selben Tag einen Platz braucht.
Die Freiheit, Dinge neu zu denken, klingt nach Haltung. Bei mir ist es der Kalender — der, den ich hier nicht habe.
Arbeiten war nicht geplant. Es kam vorbei.
Ich bin zwar im Urlaub, aber am Montag hatte ich trotzdem ein Gespräch. Erstes Coaching mit einem neuen Klienten, um elf, auf der Terrasse, Laptop auf dem Tisch statt großer Bildschirm im Büro.
Ich hatte das vorher für schwierig gehalten. Ich brauche doch die zweite Fläche, dachte ich, die Notizen daneben, den Platz für Struktur. Brauche ich anscheinend nicht. Es war eines der klareren Gespräche der letzten Wochen. Vielleicht, weil auf einem kleinen Bildschirm nur das Wesentliche Platz hat.
Es ging um seine Werte, Freiheit und Integrität, und um die Frage, woran man in seinem Unternehmen sehen könnte, dass die dort gelten.
Danach saß ich eine halbe Stunde am Wasser und habe dieselbe Frage für mich beantwortet. So darf Arbeit im Urlaub aussehen. Sie fliegt zu, ich fange sie, sie gibt mir etwas zurück. Hätte ich mir dagegen vorgenommen, „an zwei Vormittagen zu arbeiten“, hätte ich beide verschoben und mich schlecht gefühlt.
Mein Französisch reicht für Brot
Ich wollte in diesem Jahr so weit sein, dass ich zumindest gut auf Französisch einkaufen oder essen bestellen kann. Das hatte ich mir fest vorgenommen. Bin ich nicht. Ich bin bei „Deux baguettes, s’il vous plaît.“ und wenn ich die Antwort höre, überlege ich, ob das gerade der Preis oder die Uhrzeit war.
Es geht trotzdem. Die Frau in der Boulangerie spricht langsamer, wenn ich mein Glück versuche. Mit einer Handvoll Wörtern und zwei Händen kommen wir erstaunlich weit.
Ich habe das Ziel nicht gestrichen. Ich habe nur aufgehört, den Urlaub daran zu messen.
Fazit
Emil trägt die Weste nicht, weil er ein schlechter Schwimmer ist. Sie gibt ihm die zehn Minuten, die er ohne sie nicht hat.
Meine Weste heißt gerade: kein Kalender, kein zweiter Bildschirm, keine Pflicht, einen Gedanken noch am selben Tag fertig zu machen. Ich bin hier nicht disziplinierter und nicht kreativer als zu Hause. Ich habe Auftrieb.
Die Frage, die ich mitnehme: Welche zwei Bedingungen müsste ich in Hamburg ändern, damit ein Gedanke auch dort zwei Tage lang wehen darf, bevor ihn jemand einsortiert?
Wenn du gerade steil im Wasser liegst und denkst, du seist eben ein schlechter Schwimmer: Vielleicht fehlt nur der Auftrieb. Lass uns eine Stunde draufschauen.
FAQ
Braucht mein Hund im Meer eine Schwimmweste, auch wenn er gut schwimmen kann? Es geht weniger ums Können als um Ausdauer und Strömung. Schlanke, muskulöse Hunde mit wenig Körperfett liegen im Wasser oft steil und ermüden schneller. Eine gut sitzende Auftriebsweste bringt die Hinterhand hoch, der Hund liegt waagerechter und paddelt ruhiger. Am Atlantik kommt dazu, dass Wellen und Strömung Kraft kosten, die im Baggersee nie gefragt war. Wichtig ist der Sitz: Der Griff gehört mittig über den Schwerpunkt, sonst kippt der Hund nach vorn.
Ist es schlimm, im Urlaub zu arbeiten? Es kommt darauf an, wer die Arbeit angesetzt hat. Ein Termin, den du dir aus Pflichtgefühl in die zweite Urlaubswoche legst, kostet dich schon vorher Erholung, weil du tagelang darauf zuläufst. Eine Stunde, die dir zufliegt und die du willst, kostet nichts und bringt oft etwas mit. Der Unterschied liegt nicht in den Stunden, sondern in der Frage, ob du gerade etwas abarbeitest oder etwas verfolgst.







