Emil auf einem Trail

Der nächste Schritt. Nicht die perfekte Lösung.

Du wartest auf den Moment, in dem alle Zahlen stimmen und die Entscheidung sich von selbst trifft? Der kommt nicht. Was zählt, ist der nächste Schritt mit dem, was gerade wirklich trägt.

Die Spur, die nicht mehr trägt

Training. Die Trainerin lässt Emil einen kurzen Trail arbeiten. Dann bricht sie auf dem Weg ab – und setzt uns, ohne dass wir es wissen, bewusst auf eine alte Spur. Eigentlich ein sogenannter neuer Sichtungspunkt, hier aber eher ein alter.

Emil läuft einmal im Kreis um mich rum. Und wird dann laut. Wenn er mault zeigt mir das, das hier irgendwetwas nicht so ist, wie es sein sollte. Richtig so. Er lässt sich von der alten Spur nicht überzeugen, nur weil sie gerade die ist, die vor ihm liegt.

Damit das Training gut endet, gibt es einen zweiten neuen Sichtungspunkt – diesmal einen echten: Jetzt bekommt Emil die frischeste Spur von allen – und findet die gesuchte Person.

Was mir davon hängen geblieben ist: Ein guter Suchhund lügt nicht, um weiterzukommen. Er zeigt ehrlich an, wenn eine Spur nicht mehr trägt – auch wenn sie die einzige ist, die gerade da liegt. Und er arbeitet zuverlässig, sobald er bekommt, was tatsächlich frisch ist.

Wenn wir auf Wissen warten, das es noch nicht gibt

Genau das passiert in Meetings ständig, nur ohne Hund.

Eine Entscheidung steht an. Die Zahlen, die jemand mitbringt, sind drei Wochen alt – das allein ist noch kein Problem. Jede Zahl ist vergangenheitsbasiert, eine andere Basis gibt es nicht. Die Frage ist, ob sich seitdem etwas verschoben hat, das diese Zahlen eigentlich tragen sollten: ein Kunde, der abgesprungen ist. Ein Wettbewerber, der nachgezogen hat. Eine Entscheidung in der GF, die die Ausgangslage verändert hat. Keiner prüft das. Keiner sagt den Satz, den Emil im Training quasi vormacht: „Das trägt nicht mehr, ich brauche etwas Aktuelleres.“

Ich erlebe das in Workshops oft an einer ganz bestimmten Stelle: bei der Zeitleiste. In einem Workshop haben wir einmal die letzten zehn Jahre eines Bereichs auf eine Timeline gelegt – und plötzlich war sichtbar, dass die Geschäftsführung in dieser Zeit mindestens siebenmal gewechselt hatte. Erst auf dem Boden, mit der Leine als Zeitstrahl und vielen bunten Karten der verschiedenen Ereignisse, wurde allen klar: Ein Teil der Annahmen, mit denen sie gerade noch selbstverständlich planten, stammte aus einer GF-Ära, die es schon lange nicht mehr gab.

Die Lage von letzter Woche ist nicht mehr die Lage von heute. Und die perfekte Entscheidung, auf die wir eigentlich warten, würde vollständige Information voraussetzen – über eine Zukunft, die es noch nicht gibt. Die bekommen wir nicht. Nie.

Was wir bekommen, ist das, was gerade tatsächlich verfügbar ist. Aber nur, wenn wir ehrlich sagen, dass die alte Spur nicht mehr trägt – statt so zu tun, als würde sie das noch.

Entscheiden ist kein Endzustand

Der Soziologe Niklas Luhmann hat für Organisationen eine Beschreibung geprägt, die ich mir immer wieder vergegenwärtige: Organisationen bestehen aus Entscheidungen, die an Entscheidungen anschließen. Ein Thema ist also nie „fertig entschieden“. Es gibt nur die nächste Entscheidung – und die muss an das anschließen, was gerade tatsächlich vorliegt.

Das ist mehr als eine schöne Formulierung. Es bedeutet: Eine Organisation lässt sich nicht von außen einfach „richtigstellen“, indem man ihr die eine korrekte Antwort liefert. Sie funktioniert über die Kette ihrer eigenen Entscheidungen weiter – jede einzelne davon ist nur so gut wie das, worauf sie aufsetzt.

Die perfekte Lösung gibt es nicht. Den nächsten Schritt schon.

Das ist keine Ausrede fürs Ungefähr-Bleiben. Führung heißt dann: erkennen, welche Spur gerade die frischeste ist – und reagieren, wenn sie sich wieder ändert.

Was das für den Alltag heißt

Drei Dinge, die sich üben lassen.

Prämissen sichtbar machen. Bevor ihr entscheidet: Was glaubt ihr gerade eigentlich, ungeprüft? Welche Annahme steckt in dem Plan, der euch so logisch vorkommt – und stammt sie noch von heute oder schon von letzter Woche? Oft reicht die Frage „Woher wissen wir das eigentlich noch mal?“, um die alte Spur von der frischen zu unterscheiden.

Hypothese statt Meinung. Eine Meinung will recht behalten. Eine Hypothese will überprüft werden. Entscheidet mit einem Datum, an dem ihr noch mal draufschaut – nicht mit dem Anspruch, dass es für immer stimmt. Das nimmt dem Entscheiden den Druck, sofort perfekt sein zu müssen. Und macht es leichter, die Richtung zu wechseln, wenn sich die Lage ändert, ohne dass das wie ein Scheitern aussieht.

Mandat klären, bevor die Spur gesucht wird. Wer in eurem Team darf sagen „das trägt nicht mehr“? Wenn das nicht klar ist, bleibt jeder bei der alten Spur, weil niemand das Gewicht hat, sie öffentlich in Frage zu stellen. Das ist oft der eigentliche Grund, warum tote Zahlen so lange im Raum stehen – nicht, weil sie niemand bemerkt, sondern weil niemand offiziell den Mund aufmachen darf.

Bei einer Klientin von mir hat allein die zweite Verschiebung – Hypothese statt Meinung – dazu geführt, dass ihr Team anfing, unfertige Ideen überhaupt erst zu äußern. Vorher war jede Aussage ein Statement, das verteidigt werden musste. Nun ist sie ein Vorschlag, der geprüft werden darf.

Und jetzt du

Woran arbeitet ihr gerade – an Zahlen, einem Plan, einer Annahme, die noch trägt? Oder an einer, die längst kalt ist, nur hat’s noch keiner ausgesprochen?

Von außen sieht man den Unterschied oft nicht sofort. Man merkt ihn erst, wenn jemand im Raum den Satz sagt: Das trägt nicht mehr.

Wenn du merkst, dass in deiner Organisation eher die bekannte Spur verfolgt wird als die aktuelle – das ist keine Frage von schlechten Entscheidungen. Das ist eine Frage der Struktur, die diesen Unterschied prüfbar macht oder eben nicht. Wenn du magst, schauen wir gemeinsam drauf: Kennenlerngespräch

Fazit

Die perfekte Entscheidung setzt vollständiges Wissen über eine Zukunft voraus, die es noch nicht gibt. Die gibt es nicht – nie. Was es gibt, ist die frischeste Spur, die gerade verfügbar ist. Emil zeigt ehrlich an, wenn eine Spur nicht mehr trägt, und findet zuverlässig, sobald er die tatsächlich frische bekommt. Führung heißt, dasselbe zu tun: nicht bei einer Annahme zu bleiben, nur weil sie schon da ist, sondern offen zu sagen, wenn sie nicht mehr trägt – und danach die nächste anschlussfähige Entscheidung treffen. Nicht die letzte.

FAQ

Warum fühlen sich Entscheidungen in meinem Unternehmen nie endgültig an? Weil die Organisation als Ganzes strukturell nie „fertig“ ist. Nach Niklas Luhmann bestehen Organisationen aus Entscheidungen, die an vorherige Entscheidungen anschließen. Eine einzelne Entscheidung kann gültig sein und umgesetzt werden – aber die Organisation hört damit nicht auf, weiter zu entscheiden. Es gibt keinen Punkt, an dem das große Ganze final geklärt ist, sondern immer nur die nächste Entscheidung, die zur aktuellen Lage passt. Das ist kein Zeichen von schlechter Führung, sondern wie Organisationen als System funktionieren.

Wie treffe ich Entscheidungen, wenn ich nicht alle Informationen habe? Indem du akzeptierst, dass vollständige Information über die Zukunft grundsätzlich nicht existiert. Entscheide mit dem, was gerade verfügbar ist, markiere die Entscheidung als Hypothese mit Revisionsdatum, und prüfe sie, wenn sich die Lage ändert – statt auf den einen Moment zu warten, in dem alles klar ist.

Woher das kommt:
Der Gedanke der Anschlussfähigkeit von Entscheidungen stammt von Niklas Luhmann. Dieser Artikel baut auf Gib das Problem raus. Nicht die Lösung auf und knüpft an Rot oder Blau: Die Führungsfrage an – bevor man entscheidet, lohnt sich oft schon die Frage, um welche Art Entscheidung es überhaupt geht.

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