Der leere Stuhl: Warum am Ende immer einer schuld ist

Auf einem Netzwerktreffen mit meinen lieben Kollegen von Humagnify am Wochenende haben wir ein Spiel gespielt. Es klingt nach Kindergeburtstag und geht mir seitdem nicht aus dem Kopf.

Der Aufbau: so viele Stühle wie Teilnehmer:innen, quer im Raum verteilt. Alle sitzen, bis auf einen freien Stuhl. Eine Person ist der Pinguin. Der Pinguin geht in winzigen Schritten durch den Raum und will sich auf den freien Stuhl setzen. Die anderen dürfen das verhindern, indem sie sich vorher draufsetzen. Zwei Regeln nur: nicht reden. Und den Pinguin nicht behindern. (Danke an Patrizia, für diese Initiative)

Klingt harmlos. Ist es auch. Und genau deshalb zeigt es so viel über Organisationen.

Runde eins: alle rennen, keiner kommt an

Die erste Runde lief ohne Absprache. Also tat jede:r das Naheliegende: aufpassen, wo der freie Stuhl gerade ist, und schnell sein.

Nur: Wer aufsteht, um den freien Stuhl zu besetzen, macht seinen eigenen frei. Die Lücke wandert. Der Pinguin muss gar nicht schnell sein, er muss nur warten, bis das Hin und Her jemanden zu spät kommen lässt.

Das Ganze wurde hektisch und ziemlich verbissen. Jede:r wollte dafür sorgen, dass der Stuhl besetzt bleibt. Niemand konnte sich abstimmen, reden war ja verboten. Also wurde gerannt, gerutscht, vorgebeugt. Viel Bewegung, viel Einsatz. Und der Pinguin kam trotzdem durch.

Das ist das Bild für ziemlich viele überlastete Organisationen. Mehr Tempo, mehr Statusrunden, mehr persönlicher Einsatz. Und am Ende steht man genau da, wo man vorher stand. Nicht, weil sich keiner anstrengt. Sondern weil sich alle einzeln anstrengen, gegen eine Anordnung, die das gar nicht auffangen kann.

Und dann war einer schuld

Interessant wurde es nach der Runde. Derjenige, der zuletzt den Stuhl freigemacht hatte, sagte, er habe sich nicht gut gefühlt. Er war ja der, der das Spiel verloren hat.

Dabei hat er nichts falsch gemacht. Er stand nur an der Stelle, an der die Lücke zufällig ankam. In einer Anordnung, in der sich niemand abstimmen darf, verliert immer irgendwer. Und dieser Irgendwer nimmt es dann persönlich.

Das ist der Teil, der mich am meisten an echte Organisationen erinnert. Wenn ein Termin platzt oder eine Übergabe schiefgeht, sucht man zuerst die Person, bei der es sichtbar wurde. Nach der Anordnung, die dafür gesorgt hat, dass es bei irgendwem sichtbar werden musste, fragt selten jemand.

Der Mensch auf dem Stuhl hat reichlich Einsatz gezeigt. Genützt hat es ihm nichts, weil das Spiel keinen Weg vorsah, wie man mit bloßem Einsatz gewinnt. Das Problem saß nicht auf dem Stuhl. Es steckte in der Anordnung.

Die Erlaubnis, vorher zu reden

Dann bekamen wir die Erlaubnis, uns vor der nächsten Runde kurz zu besprechen. Ein Strategiemeeting. Wir haben genau eine Sache beschlossen: Sobald der Pinguin in unsere Mitte kommt, kreisen wir ihn ein, ohne ihn zu berühren.

Damit war das Spiel vorbei. Der Pinguin kam an keinen Stuhl mehr heran. Kein Rennen, keine Hektik, kein Verlierer.

Nicht, weil wir plötzlich schneller waren. Wir haben die Regeln des Raums geändert, statt weiter im alten Raum zu rennen.

Und jetzt schau dir die beiden Verbote noch einmal an, denn darin steckt der eigentliche Punkt.

Ihr dürft nicht reden. Abstimmung lässt sich also nicht mitten im Getümmel herstellen. Sie muss vorher passieren. Die meisten Organisationen versuchen das Gegenteil: Wenn es brennt, setzen sie noch ein Meeting an, mitten in die Hektik. Die Absprache gehört aber vor die Situation, nicht in sie hinein.

Ihr dürft den Pinguin nicht behindern. Das Problem lässt sich nicht direkt bekämpfen. Man kann nur die Anordnung drumherum ändern. Und ja, das Einkreisen richtet sich nach außen gegen den Pinguin. Aber der Gewinn kam nicht daher, dass wir gegen jemanden zusammengerückt sind. Er kam daher, dass wir überhaupt einmal gemeinsam entschieden haben, wie dieser Raum funktioniert.

Was Emil damit zu tun hat

Auf der Hundewiese sehe ich dasselbe Muster. Wer alle Hunde auf einmal reinlässt und dann laufen lässt, bekommt genau das Durcheinander, das man hinterher mühsam auseinandersortiert. Der eine groß, der andere klein, einer ängstlich, einer Draufgänger. Rennen die alle gleichzeitig los, versucht man am Ende nur noch das Chaos wieder in den Griff zu bekommen.

Deshalb schaue ich vorher. Wer ist heute überhaupt da? Wer verträgt sich mit wem, wer braucht Abstand, wer darf zuerst, wer wartet kurz? Und dann geht es los, nach Plan, nicht nach Zufall.

Das sind zwei Minuten vorher gegen eine halbe Stunde Chaos danach. Emil braucht in dem Moment kein lauteres Kommando. Er braucht eine Wiese, die vorher sortiert wurde. Die Ordnung entsteht vor dem Loslaufen, nicht mittendrin. Bei Hunden wie bei Menschen.

Woran du Runde eins bei euch erkennst

Ein paar Zeichen, dass ihr gerade Runde eins spielt, ohne es Spiel zu nennen:

Es gibt eine Lücke, die immer wieder jemanden aus der eigenen Arbeit reißt. Dieselbe Baustelle, mal deckt sie der eine ab, mal die andere, immer die, die gerade am nächsten dran ist.

Wenn es doch mal schiefgeht, sucht ihr zuerst die Person, bei der es passiert ist. Nicht die Stelle im Ablauf, die es wahrscheinlich gemacht hat.

Und euer Reflex, wenn es eng wird, ist ein weiteres Meeting mitten im Feuer. Noch eine Abstimmung, während alle rennen.

Verhalten folgt dem Rahmen. Wer den Rahmen lässt, wie er ist, bekommt dasselbe Verhalten. Egal, wie oft er an die Motivation appelliert.

Und jetzt du

Welcher leere Stuhl lässt bei euch gerade alle rennen? Und wer fühlt sich am Ende wie der, der verloren hat, obwohl die Anordnung den Verlust längst eingebaut hatte?

Das sieht man von innen selten. Man steckt ja selbst mitten im Rennen. Von außen fällt in einem einzigen Gespräch oft auf, was drinnen seit Monaten niemand ausspricht.

Wenn du das Gefühl hast, dein Team rennt viel und kommt wenig an: Lass uns eine halbe Stunde draufschauen, wo bei euch die Absprache fehlt, die vor die Situation gehört. Buch dir ein Kennenlerngespräch.

Fazit

Der Pinguin gewinnt nicht, weil er schnell ist. Er gewinnt, solange jede:r nur für sich reagiert. Die Wende kam nicht durch mehr Anstrengung, sondern durch eine einzige gemeinsame Entscheidung, die vor der Situation getroffen wurde. Aktionismus ist keine Entscheidung. Er ist das, was passiert, wenn die Entscheidung fehlt.

FAQ

Was ist das für ein Spiel mit dem leeren Stuhl? Ein Workshopspiel: So viele Stühle wie Teilnehmer:innen, ein Stuhl bleibt frei, eine Person ist der Pinguin und versucht, sich draufzusetzen. Die anderen verhindern das, dürfen dabei aber nicht reden und den Pinguin nicht behindern. Ohne Absprache wird es hektisch und irgendwer verliert. Mit einer gemeinsamen Absprache vorher verändert sich der Spielverlauf spürbar. Es zeigt den Unterschied zwischen einzeln reagieren und gemeinsam entscheiden.

Woran erkenne ich, dass mein Team in Aktionismus statt in Entscheidungen läuft? Typische Zeichen: Dieselbe Lücke reißt immer wieder jemanden aus der Arbeit, gedeckt wird sie von der Person, die gerade am nächsten dran ist. Wenn etwas schiefgeht, sucht ihr zuerst die schuldige Person statt die Stelle im Ablauf. Und wenn es eng wird, kommt noch ein Meeting mitten in die Hektik. Viel Bewegung, wenig Veränderung.

Wie trefft ihr als Team bessere Entscheidungen? Die Absprache gehört vor die Situation, nicht mitten hinein. Klärt einmal in Ruhe, wie ihr mit der wiederkehrenden Lücke umgeht, wer wofür zuständig ist und welcher Rahmen gilt. Danach braucht es im Ernstfall kein hektisches Nachsteuern mehr. Nicht mehr Tempo löst das Problem, sondern eine Entscheidung, die früh genug getroffen wurde.

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