Der Ball fliegt. Du springst. Und alle nennen das „normal“.
Heute Morgen war ich mit Emil mal wieder auf „unserer“ Wiese. Emil war im Standardmodus: Schnüffeln, Nachrichten lesen, mal gucken was sonst so los ist – meistens nicht viel. Und dann sehen wir ihn: den Balljunkie.
Nicht „spielfreudig“. Nicht „energiegeladen“. Sondern: komplett unter Strom und auf Droge.
Der Hund steht da wie ein kleiner Sicherheitsdienst. Blick festgenagelt, Körper unter Strom, kein Umgucken, kein Schnüffeln, keine Hundewelt. Nur: Ball.
Und sein Mensch? Der macht das, was Menschen in solchen Situationen gern machen: Er wirft. Wieder. Und wieder. Und wieder. Immer weiter, immer schnell, immer „ach komm, einmal noch“.
Der Hund schießt los, holt, bringt, trippelt von einer Pfote auf die andere, bellt. Das sieht erstmal nach Spaß aus.
Aber wenn du genau hinsiehst, ist es kein Spiel mehr. Es ist eine Schleife: Reiz → Erwartung → Aktion → kurzer Kick → Unruhe → nächster Reiz.
Und weißt du, was mein erster Gedanke war?
Das ist nicht nur Hundethema. Das ist Alltag.
Ich sehe vergleichbare Szenen in den letzten Monaten ständig – nur eben nicht mit Ball, sondern mit:
- Slack / Teams / E-Mail (Ping ping ping)
- „Nur kurz ein Update“ (es ist nie kurz)
- „Kannst du mal eben…?“
- „Das ist dringend“ (seit drei Wochen)
- „noch ein Report“
- KPI-Druck, Status, Sichtbarkeit
- und dem unterschwelligen Glaubenssatz: Mehr und länger = gut.
Wenn du jetzt innerlich nickst: Willkommen. Du bist nicht allein.
Und nein: Du hast kein „Motivationsproblem“. Du steckst sehr wahrscheinlich im Immer-an-Modus – in einer Dauer-Reiz-Schleife, die euch auf „sofort reagieren“ trainiert. Nicht, weil Menschen schwach sind, sondern weil die Rahmenbedingungen es nahelegen. Und weil es lange wie Leistung aussieht.
Und bevor du jetzt denkst: „Okay, jetzt wird’s esoterisch“ – nein. Das ist ziemlich banal.
Dopamin ist im Grunde nicht der „Glücks“-Knopf, sondern eher der „Das könnte sich lohnen, mach mehr davon“-Knopf. Es feuert vor allem dann, wenn etwas in Aussicht steht: der Ball gleich fliegt, die Mail gleich kommt, das Lob vielleicht kommt, der Haken gleich gesetzt ist.
Heißt übersetzt: Nicht der Ball macht süchtig. Sondern die Erwartung. Und die wird verdammt gut trainiert, wenn der nächste Reiz jederzeit passieren kann.
Wer wirft bei euch eigentlich ständig den Ball?
Das ist die zentrale Frage. Nicht: „Warum sind die Leute so gestresst?“
Sondern: Welche Struktur sorgt dafür, dass niemand runterregelt?
Denn der Immer-an-Modus entsteht selten, weil einzelne Personen „zu wenig Grenzen setzen“. Er entsteht, weil ein Umfeld drei Dinge belohnt:
- Sofort-Reaktion
- Dauerverfügbarkeit
- Feuerwehr statt Klarheit
Und dann passiert etwas Verrücktes: Teams halten einen Übererregungszustand für „Engagement“.
Der Ball fliegt. Alle springen. Und wenn du nicht springst, fühlt es sich an, als würdest du das Team hängen lassen.
Das ist kein Charakter. Das ist Konditionierung.
Getrigggert hat mich da auch ein Text aus Neue Narrative in dem – in einem noch weiteren Rahmen – deutlich gemacht wird: Abhängigkeit/Sucht am Arbeitsplatz ist kein Randthema – und sie entsteht nicht im luftleeren Raum. Belastung, Tabus, Normalisierung und fehlende Prävention spielen eine Rolle. Du musst daraus kein Therapiethema machen, um zu verstehen: Wenn ein Umfeld ständig triggert, wird das Nervensystem irgendwann zur Dauerbaustelle.
Der Immer-an-Modus wirkt „funktional“. Bis er kippt.
Das Gemeine daran: Er sieht lange aus wie Leistung.
Du bist schnell. Du bist zuverlässig. Du bist verfügbar.
Du bist die Person, bei der alle sagen: „Zum Glück haben wir dich.“
Und genau da fängt das Problem an.
Weil „Zum Glück haben wir dich“ oft bedeutet: Ohne dich läuft’s nicht. Und wenn es ohne dich nicht läuft, dann läuft es nicht.
Was ich dann in Teams beobachte, ist ziemlich ähnlich wie beim Balljunkie:
- Fokus wird eng: nur noch reagieren, kaum noch denken
- Pausen werden „optional“
- Fehler häufen sich
- Gereiztheit steigt
- Energie sinkt, aber Tempo bleibt hoch (sehr ungesunde Kombination)
- und irgendwann: Rückzug, Ausfall oder Kündigung
Dann heißt es meistens: „Wir müssen resilienter werden.“
Ich sag’s dir klar: Resilienz ist toll. Aber sie ist kein Ersatz für gute Arbeitsbedingungen.
Du kannst Menschen nicht zur Ruhe coachen, wenn du sie strukturell permanent hochdrehst.
Die 6 typischen Ballmaschinen im Büro
1) Unklare Mandate
Niemand weiß genau, wer entscheiden darf – also wird überall nachgefragt. Dauertrigger inklusive.
2) Dauerdringlichkeit
Alles ist wichtig, alles ist eilig, alles ist „kritisch“. Wenn alles Alarm ist, bleibt nur eins: Daueranspannung.
3) Arbeitsverdichtung ohne Ende
Mehr Aufgaben, gleiche Ressourcen. Und dann wird Priorisieren plötzlich ein Schuldthema, statt eine Führungsaufgabe.
4) Anerkennung für Reaktion statt Wirkung
Wer schnell antwortet, gilt als „engagiert“. Wer nachdenkt, wirkt „langsam“.
Das Problem: Schnelligkeit ist kein Ergebnis. Aber sie bekommt den Applaus.
5) Sichtbarkeit als Währung
Status entsteht über Präsenz, nicht über gute Entscheidungen. Das ist Social Media – nur mit Gehalt.
6) Tabus
Keiner sagt offen: „Ich schaffe das nicht.“ Also laufen alle weiter. Und nennen es Professionalität.
Dein Mini-Test: Bist du / Seid ihr gerade im Immer-an-Modus?
Beantworte die Fragen bitte nicht politisch, sondern ehrlich:
✅ Wird Reaktion stärker belohnt als Ergebnis?
✅ Gibt es feste Zeiten ohne Pings – oder ist das ein schöner Traum?
✅ Haben Aufgaben klare Enden – oder kleben sie ewig?
✅ Fehlt Mandatsklarheit – also wer wirklich entscheidet?
✅ Wird „mehr und länger“ bewundert?
✅ Können Menschen sagen: „Es ist zu viel“ – ohne Gesichtsverlust?
✅ Gibt es echte Prioritäten – oder nur eine lange Liste?
Wenn du bei mindestes 3 oder mehr Fragen innerlich „ja“ denkst:
Dann ist es kein individuelles Problem. Dann steckt ihr wahrscheinlich in einer strukturellen Dauer-Reiz-Schleife.
🐾 Und genau da zeigt sich der Unterschied zwischen Mensch und Hund.
Beim Hund siehst du’s sofort. Beim Menschen ist es höflicher – und gefährlicher.
Bei Emil sehe ich sofort, ob er hochdreht oder runterregelt. Beim Menschen ist es feiner, sozialer, angepasster.
Menschen können übermüdet lächeln.
Menschen können „läuft“ sagen und innerlich brennen.
Menschen können helfen – bis sie nicht mehr können.
Und weil man’s nicht so gut sieht, wird es oft zu spät ernst genommen.
Und Emil?
Der schaut sich das an, holt vielleicht einmal den Ball – aber legt sich genausogut mal hin und schaut hinterher.
Schnauze auf den Pfoten, Blick ins Grüne. Nervensystem runtergefahren.
Kein Dauerlauf, kein Dauerreiz.
Nicht, weil er faul ist – sondern weil er verstanden hat:
Nicht alles, was fliegt, muss man fangen.
Aber wie geht das – wenn man mitten im Büro steht statt auf der Wiese?
Was du jetzt tun kannst (ohne Achtsamkeits-Deko)
Hier kommen fünf Interventionen, die nicht nett klingen, aber wirken. Du brauchst dafür keine neue App, sondern ein bisschen Mut zur Klarheit.
1) Etabliere das Ende. Überall.
Der Immer-an-Modus ist oft nur: Alles bleibt offen.
Frag im Team nicht „Wer macht was?“, sondern zusätzlich:
- Woran erkennen wir: Das ist fertig?
- Was wird bewusst nicht gemacht?
- Wann ist heute Schluss – auch wenn es noch nicht perfekt ist?
2) Entkoppel „Ping“ von Priorität.
Ein Ping ist kein Auftrag. Ein Ping ist ein Geräusch.
Mach aus Dauerreaktion eine klare Regel:
- feste Check-Zeiten für Chat & Mail
- klare „Notfall“-Definition
- alles andere: sammeln, bündeln, entscheiden
Du wirst überrascht sein, wie wenig wirklich brennt – wenn man aufhört, ständig Feuer zu legen.
Wenn du den Dopamin-Teil verstanden hast, verstehst du auch, warum das so zieht:
Jeder Ping ist ein kleines „Vielleicht lohnt es sich“. Und „Vielleicht“ ist der härteste Klebstoff.
3) Stoppe die Belohnung für Feuerwehr.
Wenn du Feuer löschen feierst, bekommst du Feuer. Das ist keine Moral, das ist Logik.
Belohne stattdessen:
- Klarheit
- saubere Übergaben
- frühzeitige Eskalation
- Entscheidungen mit Konsequenzen
- Prävention statt Drama
4) Sag Dringlichkeit laut an. Und prüf sie.
- „Was passiert, wenn wir das nicht heute machen?„
Wenn die Antwort lautet: „Nichts außer Unruhe“, dann ist es Bällchen.
5) Führ Gespräche wie ein Profi. Nicht wie ein Retter.
Fürsorge bedeutet nicht: alles übernehmen. Sondern: genau hinsehen, offen ansprechen, klar vereinbaren.
- „Mir fällt X auf. Das wirkt belastend.“
- „Was brauchst du – und was müssen wir hier ändern?“
- „Wir vereinbaren einen nächsten Schritt und einen Termin.“

Fazit: Der Ball muss nicht weg. Aber es braucht Regeln.
Ich werfe Emil manchmal auch den Ball. Kurz. Klar. Und dann ist Schluss.
Weil ich nicht will, dass sein Nervensystem lernt: „Mehr ist immer besser.“
Und genau das wünsche ich mir für Teams:
Nicht weniger Leistung. Sondern weniger Dauerreiz.
Nicht mehr Resilienz-Appelle. Sondern mehr Klarheit, Enden und Zuständigkeiten.
Nicht lauter – klarer.
Wenn du beim Lesen gedacht hast: „Ja. Genau so ist es bei uns.“ – dann lass uns kurz draufschauen.
Du musst weder dein Team „motivieren“ noch dich selbst härter machen. Du brauchst eine Struktur, die Runterregeln wieder erlaubt: weniger Trigger, klare Enden, saubere Mandate.
👉 Schreib mir eine Nachricht (gern einfach „Immer-an“) und wir machen ein kurzes Kennenlerngespräch.
Du bringst ein konkretes Beispiel aus deinem Alltag mit – ich helfe dir, die Dauer-Reiz-Schleife zu entwirren und einen ersten Hebel zu finden, der sofort wirkt.













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